Samstag, 24. Januar 2015

Friedhof 'Heiliger Sand' in Worms


Der Friedhof 'Heiliger Sand' in Worms ist der älteste erhaltene Jüdische Friedhof in Europa. Auch wenn man das genaue Datum der Erstbelegung heutzutage nicht beziffern kann, so ist der älteste, noch erhaltene Grabstein aus dem Jahr 1059 datiert. Der älteste, noch lesbare und damit namentlich zuzuordnende Grabstein stammt aus den Jahren 1076/1077. Er erinnert an Jakob ha-Bachur. Damit weist er eine um rund 350 Jahre ältere Geschichte auf, als der in der gesamten Welt bekannte Jüdische Friedhof in Prag.


In Worms, einer der drei SCHUM-Städte, hat man um 1034 eine Synagoge errichtet. Man geht davon aus, dass der Friedhof zur selben Zeit, direkt hinter der damaligen Stadtmauer, entstanden ist.
Die drei SCHUM-Städte, dass sind Speyer, Worms und Mainz, abgeleitet von den hebräischen Anfangsbuchstaben der Städtenamen. Alle drei Städte haben damals in der Jüdischen Welt eine große Rolle gespielt. Vor allem Worms, das damals als das kleine Jerusalem bezeichnet wurde, mit seinen Rabbinern und Gelehrten,war von großer Bedeutung. Viele von ihnen haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof 'Heiliger Sand' im sog. Rabbinertal gefunden. Dieser Tatsache ist es geschuldet, dass der 'Heilige Sand' heute bei den Anhängern des Jüdischen Glaubens in der gesamten Welt als Wallfahrtsort gilt. 







Das Rabbinertal umfasst heute noch ca. 1.000 Grabsteine, der insgesamt noch ca. 2.300 erhaltenen Steine. Rund 500 dieser Gräber stammen aus der Zeit des Mittelalters, also in etwa vom 11. bis zum 15. Jahrhundert. Die restlichen Grabsteine reichen bis in das Jahr 1911, als die letzte Beisetzung auf dem Heiligen Sand stattgefunden hat. 










Den Wandel der Zeiten kann man an den Grabsteinen sehr schön erkennen. Die ersten Steine, bis zum zur Zeit bis Ende des Mittelalters weisen den für die Region typischen roten Sandstein als Material aus. Die späteren Grabsteine sind aus unterschiedlichen Materialien und auch Formen geschaffen. Teils sind diese mit feinen Stukarbeiten und Marmorplatten versehen.


Abgesehen von einer Grabstelle weisen alle Gräber dieses Friedhofes nach Süden in Richtung der Synagoge der Stadt Worms, was diesen Friedhof besonders macht. Normalerweise weisen die Grabstätten der Jüdischen Friedhöfe nach Osten, in Richtung Jerusalems. 
Eine eindeutige Erklärung, weshalb es auf dem Friedhof Heiliger Sand in Worms anders ist, gibt es bis heute nicht. 
Die Ausnahme mit der Ausrichtung bildet das  Grab des 1427 verstorbenen Jakob Halévi, Sohn des Mose Halévi, genannt MaHaRIL. Dieses weist die bei uns übliche Ost-West-Ausrichtung auf Jüdischen Friedhöfen auf (im Bild hinten).
Dies soll sein letzter Wille gewesen sein, ebenso wie, dass im Umkreis von 4 Ellen zu seinem Grab kein weiteres zu errichten sei. MaHaRIL galt als besonders fromm. Im Vordergrund ist das Grab Elija Lo'ans zu sehen, der einer der großen Gelehrten des Jüdischen Glaubens im 17. Jahrhundert war. 


Zwei der am meisten besuchten Grabstätten auf diesem Friedhof sind nahe des Haupteinganges zu finden. Es handelt sich hierbei um die direkt nebeneinander angeordneten Grabstätten des Rabbi Meir von Rothenburg und des Alexander ben Salomo Wimpfen.
Rabbi Meir von Rothenburg, genannt MaHaRaM von Rothenburg, kann wohl als einer der berühmtesten Rechtsgelehrten den 13. Jahrhunderts bezeichnet werden. Im Jahr 1286 wollte er nach Jerusalem auswandern, wurde jedoch von Rudolf I., dem ersten römisch-deutschen König aus dem Hause der Habsburger, gefangen genommen. Nach sieben jähriger Gefangenschaft verstarb Rabbi Meir von Rothenburg am 02. Mai 1293 in Wasserburg am Inn. Seine sterblichen Überreste wurden jedoch erst im Jahr 1307 vom Königshaus zur Überführung und Beisetzung auf dem Friedhof 'Heiliger Sand' in Worms freigegeben, nachdem diese von Alexander, Sohn des Salomo Wimpfen, freigekauft wurden. Nur wenig später verstarb auch Alexander ben Salomo Wimpfen, dessen großer Wunsch es war, neben dem großen Gelehrten und Vorbild, Rabbi Meir von Rothenburg, beigesetz zu werden. So ist es kein Zufall, dass diese beiden Grabstätten direkt nebenander in gleicher Gestaltung ausgeführt worden sind. 


Die kleinen Kerzen, Zettel und Steine auf und an den Grabsteinen ist ein typisches Bild für jüdische Friedhöfe. Die Zettel enthalten Fürbitten der Besucher aus aller Welt. Die Steine, die auf die Grabsteine gelegt werden, haben eine sehr lange Tradition und gehen auf die Zeit Moses zurück. Damals, als das Volk Israel durch die Wüste zog, haben sie die Gräber ihrer Toten mit Steinen bedeckt, um so zu verhindern, dass Tiere nach den Leichnamen gruben.


Im Lauf der Jahrhunderte war der Heilige Sand immer wieder von Zerstörung bedroht. So z.B. durch die Progrome in den Jahren 1519 und 1615, bei welchem das Haus zur Leichenwaschung und der Brunnen zur rituellen Reinigung nach dem Friedhofsbesuch am Eingang zerstört wurden. Oder zuvor im 14. Jahrhundert durch die Erweiterung der Stadtmauer. Auch wurden einige Grabsteine seitens der Christen als Baumaterialien verwendet. 
Von Schändungen durch das NS-Regime und seiner Anhänger blieb der Friedhof erstaunlicher Weise weitesgehend verschont. Einige wenige Schäden während des 2.Weltkrieges hat der Friedhof durch Bombenangriffe auf die direkt neben dem Friedhof verlaufende Bahnlinie erhalten. Hierbei wurden mehrere Gräber von bekannten jüdischen Gelehrten zerstört. Dies Schäden wurden nach Ende des Krieges seitens der Stadt weitesgehend behoben und der Friedhof wieder in einen seiner Bedeutung würdigen Zustand hergestellt.


Im Jahr 1911 hat die Jüdische Gemeinde Worms diesen Friedhof 'geschlossen' und und am Hauptfriedhof 'Hochheimer Höhe' einen neuen Friedhof angelegt. 


Zum Schluss möchte ich noch der Frage nachgehen, woher der Name des Friedhofs Heiliger Sand stammt. Nach unbestätigten Legenden, soll der Friedhof damals vor den Toren der Stadt Worms mit Sand aus dem Heiligen Land aufgeschüttet worden sein. Die Juden sollen damit den Reichtum ihrer Gemeinde für alle offensichtlich zum Ausdruck gebracht haben.
Aber, wie oben geschrieben, handelt es sich hierbei lediglich um eine Legende. Einen Nachweis für diese Geschichte gibt es bis heute nicht.

Zu erwähnen gilt noch, dass dieser Friedhof nicht nur für den Jüdischen Glauben und die Jüdische Glaubensgeschichte von großer Bedeutung ist, sondern für die Sepulkralkultur generell in Deutschland. Denn aus der romanischen Zeit, aus der der Heilige Sand stammt, sind keine christlichen Friedhöfe in situ mit aufrecht stehenden Grabplatten, oder Grabsteinen erhalten. Die, die aus jener Zeit stammen und noch erhalten sind, wurden in Kirchen bewahrt. 

Eindrucksvoll ist an diesem Friedhof neben dem Alter auch der sog. 'Martin-Buber-Blick, den man im Herbst und Winter hat. Denn dann, wenn das Laub an den Bäumen fehlt, hat man hier über das Rabbinertal hinweg einen wunderbaren Blick auf den Dom zu Worms, der aus dem selben roten Sandstein errichtet wurde, wie viele der alten Gräber auf dem Friedhof.